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11.02.2026

Reaktion auf IQB-Bildungstrend: GRÜNER 10-Punkte-Plan zur Stärkung der Bildungsqualität

Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024 zeigen besorgniserregende Ergebnisse bei 9.-Klässler*innen in den MINT-Fächern. Bundesweit ist der Anteil der Schüler*innen, die die Mindeststandards in Mathematik nicht erreichen, seit der letzten Erhebung im Jahr 2018 um 10 Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. Hessen hat sich dabei nicht nur im Vergleich zu 2018, sondern auch im Vergleich der Bundesländer merklich verschlechtert. In allen getesteten Fächern liegen die Schüler*innenleistungen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

 

Im Gegensatz dazu haben sich die Lernleistungen der Schüler*innen in Hamburg laut verschiedenen Bildungsvergleichsstudien der letzten Jahre und auch im IQB-Bildungstrend auffällig besser entwickelt. Diese positive Entwicklung steht Expert*innen zufolge u.a. in engem Zusammenhang mit der in Hamburg seit Jahren konsequent betriebenen datengestützten Schul- und Unterrichtsentwicklung. Im krassen Gegensatz dazu zeigt Hessens Kultusminister Schwarz eine regelrechte Zahlen- und Datenscheu. Zuletzt verstieg er sich zu der Aussage, dass Zahlen, beispielsweise der unbesetzten Lehrkräftestellen, bei der Bewertung des Lehrkräftemangels nicht hilfreich seien. Und im Gegensatz zu anderen Bundesländern werden auch bereits vorhandene Daten nicht systematisch: So werden etwa die Ergebnisse der Zentralen Lernstandserhebungen (VERA-Vergleichsarbeiten) nicht landesweit ausgewertet und somit nicht als datenbasierte Grundlage für die Bildungspolitik in Hessen nutzbar gemacht.

 

Auch die Problemanalyse des Kultusministers zum schlechten Abschneiden Hessens beim IQB-Bildungstrend ist nicht weniger irritierend: Zwar erkennt der Minister sicherlich richtig, dass sehr vielen Schüler*innen die pandemiebedingten Einschränkungen noch in den Knochen stecken. Doch stellt sich die Frage, warum die schwarz-rote Landesregierung unter seiner Führung als Kultusminister dann als eine ihrer ersten Amtshandlungen das Corona-Aufholprogramm „Löwenstark“ abgeschafft hat. Mehr noch: Anstatt die Budgets der Schulen für zusätzliche Fördermaßnahmen weiter aufzustocken, wurden den Schulen auch noch 20 Millionen Euro aus ihren Schulrücklagen gekürzt.

Für uns GRÜNE steht fest: So kann es nicht weitergehen. Während die schwarz-rote Landesregierung bislang nichts präsentiert hat, wie sie auf die besorgniserregenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends reagieren möchte, haben wir GRÜNE einen 10-Punkte-Plan mit kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zur Stärkung der Bildungsqualität entwickelt:

 

Qualität messen – gezielt verbessern

Wir brauchen eine Kultur des regelmäßigen Messens und Evaluierens auf allen Ebenen, um die Schul- und Unterrichtsqualität verbessern zu können – die Scheuklappenmentalität des Kultusministers nach dem Prinzip „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ wird uns nicht weiterbringen. Hamburg gilt bei der datengestützten Schulentwicklung als Vorreiter in Deutschland und hat sich in verschiedenen Bildungsvergleichsstudien der letzten Jahre und auch im IQB-Bildungstrend auffallend positiv entwickelt. Deshalb fordern wir in Anlehnung an den Hamburger Erfolgsweg die Gründung eines „Hessischen Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung“, das umfassend Daten erhebt, aufbereitet und im Umgang hiermit schult. Zudem soll die Einführung einer Schüler-ID und eines Bildungsverlaufsregisters für die gesamte Bildungslaufbahn von der Kita bis zum Schulabschluss rechtlich geprüft werden. Programme der digitalen Lernverlaufsdiagnostik müssen flächendeckend eingeführt und genutzt werden, in einem ersten Schritt für die Klassen 1-10 in Deutsch und Mathematik. Bereits ab diesem Schuljahr soll zudem mit einer umfassenden landesweiten Auswertung der zentralen Lernstandserhebungen (VERA-Vergleichsarbeiten) ein schneller Einstieg in eine bessere datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung in Hessen gemacht werden.

 

Mehr Zeit zum Aufholen

Insbesondere im Bereich der Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik braucht es mehr Fördermaßnahmen auch außerhalb des Unterrichts für Schüler*innen mit besonders großem Förderbedarf. Deswegen fordern wir, noch in diesem Jahr allen Schulen dauerhaft ein Chancenbudget für mehr Förderangebote im Ganztag zur Verfügung zu stellen und die Lerncamps in den hessischen Schulferien deutlich auszubauen, damit es mehr wohnortnahe Angebote gibt. Ab dem kommenden Schuljahr soll die „Hessenwoche“ als neue Lern- und Förderwoche für Hessens Schüler*innen hinzukommen. Zudem wollen wir für Schüler*innen mit erheblichem Förderbedarf in Deutsch und Mathematik (z.B. ab Note 4) einen Rechtsanspruch auf mindestens einen Förderkurs pro Schuljahr schaffen.

 

 

Gleiche Chancen beginnen vor der Einschulung

Die Lehrkräfte an Hessens Grundschulen beklagen, dass immer mehr Kinder ohne grundlegende sprachliche, mathematische oder motorische Fähigkeiten eingeschult werden. Deswegen brauchen wir eine flächendeckende und standardisierte Entwicklungsstandtestung aller Kinder etwa 18 Monate vor der Einschulung. Derzeit fehlen bei der Einschätzung der Grundschulen klare Standards, eine systematische Erfassung und eine aggregierte Auswertung der Ergebnisse, wie etwa in Hamburg. Darüber hinaus braucht es nicht nur eine Testung der sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch des Mengen- und Zahlenverständnisses, der Motorik und des Sozialverhaltens. Auf Grundlage der Testergebnisse soll dann eine verbindliche Förderempfehlung für die Teilnahme an den bereits verpflichtend gestellten Sprachvorlaufkursen im Jahr vor der Einschulung gegeben werden. Diese müssen inhaltlich um die Förderung mathematischer Grundlagen, aber auch motorischer Fähigkeiten ergänzt werden. Diese Ergänzung muss mit Ressourcen von mindestens zwei zusätzlichen Schulstunden hinterlegt werden.

 

Mehr Hilfe, wo sie am dringendsten gebraucht wird

Es braucht nicht nur in der Fläche einen stärkeren Fokus auf die Verbesserung der Schul- und Unterrichtsqualität – wir müssen insbesondere noch stärker die Schulen und Schüler*innen in den Blick nehmen, wo der Förderbedarf am größten ist. Aus diesem Grund fordern wir, die Entwicklung von Schulen mit niedrigem Sozialindex hin zu ‚echten‘ rhythmisierten Ganztagsschulen (Profil 3) stärker finanziell zu fördern. Darüber hinaus muss der hessische Sozialindex überarbeitet und die Ressourcenzuweisung für Hessens Schulen stärker hieran orientiert werden. In einem ersten Schritt wollen wir eine Aufstockung der Ressourcen im Sozialindex um 150 auf 800 Lehrkräftestellen. Langfristig wollen wir erreichen, dass mindestens 5 Prozent der landesseitigen Ressourcenzuweisung zusätzlich für Schulen im unteren Drittel der Indexskala zur Verfügung stehen.

 

Lehrkräfte und Schulleitungen entlasten, gewinnen und qualifizieren

Zur Verbesserung der Bildungsqualität an Hessens Schulen sind nicht zuletzt die Lehrkräfte ein zentraler Faktor. Wenn an unseren Schulen teilweise 25 Prozent des eingesetzten Personals keine voll ausgebildeten Lehrkräfte sind und die Lehrkräftefortbildungen nicht an den Erfordernissen des Unterrichtens im Jahr 2025 ausgerichtet sind, wird sich der Abwärtstrend im hessischen Bildungssystem nicht aufhalten lassen. Deswegen wollen wir Modellversuche für duale Lehramtsstudiengänge und Quereinstiegsmaster in Mangellehrämtern und -fächern starten, um unter anderem durch die Vergütung im Rahmen eines dualen Studiums neue Zielgruppen für den Beruf als Lehrkraft zu gewinnen. Im Bereich der Fortbildung braucht es einen neuen Fokus auf längere Fortbildungsreihen statt einmaligen Halbtages-Veranstaltungen im Vortragsformat. Und mit einem Modellprojekt für Schulleitungstandems aus pädagogischen und administrativen Schulleitungen wollen wir an zunächst 50 Schulen mit niedrigem Sozialindex eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben und mehr Zeit für die Qualitätsentwicklung von Schule schaffen.

 

Der GRÜNE 10-Punkte-Plan mit allen Maßnahmen im Detail findet sich hier: https://t1p.de/x4q72.

 

Hier ein Kurzüberblick über die 10 Punkte:

 

I Kurzfristige Maßnahmen (noch in diesem Jahr)

1. Auswertung der Lernstandserhebungen – mehr datengestützte Schulentwicklung

  • Ergebnisse jährlicher Lernstandserhebungen landesweit (schulübergreifend) auswerten

2. Chancenbudget für alle Schulen

  • Aufstockung der Schulbudgets für Förderangebote zum Aufholen nach Corona

3. Ausbau der Ferienförderkurse mit Schwerpunkt auf Deutsch und Mathematik

  • Mehr Förderkurse in den Ferien zum Schließen von Lernlücken
  • Mittelfristig Rechtsanspruch auf einen Förderkurs pro Schuljahr für Schüler*innen mit großen Lücken

 

II Mittelfristige Maßnahmen (bis zum Ende der Wahlperiode)

4. Einstieg in die datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung nach Hamburger Vorbild

  • Gründung eines Hessischen Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung
  • Rechtliche Prüfung von Schüler-ID und Bildungsverlaufsregister
  • Digitale Lernverlaufsdiagnostik in Deutsch und Mathematik von Klasse 1-10

5. Entwicklungsstandtestung aller Vorschulkinder und Ergänzung der Vorlaufkurse um Mathe

  • Standardisierte Entwicklungsstandtestung aller Kinder 18 Monate vor der Einschulung
  • Erweiterung der Vorlaufkurse um Mathematik und motorische Fähigkeiten

6. Ungleiches ungleich behandeln – sozialindizierte Ressourcen besser steuern und ausweiten

  • Hessischen Sozialindex überarbeiten und schulschärfer gestalten
  • Ressourcenzuweisung an Schulen stärker sozialindiziert staffeln

7. Mehr rhythmisierte Ganztagsschulen (Profil 3) an Schulen mit besonderen Herausforderungen

  • Mehr ‚echte‘ Ganztagsschulen an Schulen mit besonders heterogener Schülerschaft

8. Programm zur Gewinnung von Lehrkräften in Mangelbereichen

  • Modellversuch für duale Lehramtsstudiengänge und Quereinstiegsmaster in Mangellehrämtern sowie für Mangelfächer

9. Reform der Lehrkräftefortbildung: mehr Zeit, Praxisanteile und Fortbildungen im Team

  • Fokus auf längere Fortbildungsreihen, statt einmaligen Halb-Tages-Veranstaltungen
  • Mehr Fortbildungen im Team und gegenseitige Hospitationen im Unterricht

10. Schulleitungstandems aus pädagogischen und administrativen Schulleitungen

  • Modellprojekt an 50 Schulen mit niedrigem Sozialindex
  • Administrative Schulleitungen mit halber Stelle nur für Verwaltungsaufgaben
  • Stärkerer Fokus der pädagogischen Schulleitung auf Qualitätsentwicklung

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