Das Unverständnis über die massiven Kürzungen der schwarz-roten Landesregierung an Hessens Schulen – bei den Integrierten Gesamtschulen, der Lehrkräftezuweisung für Schulen mit besonderen Herausforderungen, der Lehrkräfteausbildung und der Medienbildung – ist nach wie vor groß. Diese Kürzungen sind grundsätzlich falsch. Doch sie treffen die Schulen auch noch in einer Phase, in der es eigentlich deutlich mehr Investitionen in die Bildung bräuchte und nicht weniger: Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024 zeigen besorgniserregende Ergebnisse bei 9.-Klässler*innen in den MINT-Fächern. Bundesweit ist der Anteil der Schüler*innen, die die Mindeststandards in Mathematik nicht erreichen, seit der letzten Erhebung im Jahr 2018 um 10 Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. Hessen hat sich dabei nicht nur im Vergleich zu 2018, sondern auch im Vergleich der Bundesländer merklich verschlechtert. In allen getesteten Fächern liegen die Schüler*innenleistungen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.
Für uns GRÜNE steht fest: So kann es nicht weitergehen. Im Gegensatz zu anderen Landesregierungen haben CDU und SPD in Hessen in Reaktion auf die IQB-Ergebnisse nicht nur kein Sofortprogramm mit neuen Maßnahmen geschnürt, sondern im Gegenteil auch noch an bewährten Strukturen massiv gekürzt. Wir GRÜNEN haben diese Entscheidung scharf kritisiert und mit Änderungsanträgen zum Haushalt zu verhindern versucht. Und wir haben überlegt, wie man die Bildungsqualität an Hessens Schulen langfristig verbessern und die Schüler*innen besser fördern kann. Herausgekommen ist ein GRÜNER 10 Punkte-Plan mit kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zur Stärkung der Bildungsqualität in Hessen:
Qualität messen – gezielt verbessern
Zentrales Element unseres Zehn-Punkte-Plans zur Steigerung der Bildungsqualität ist das Einführen von regelmäßigen gezielten Messungen und Testungen, auf deren Grundlage die Schüler*innen besser individuell gefördert werden und die Unterrichtsentwicklung an den Schulen ausgerichtet wird. Hamburg gilt bei der datengestützten Schulentwicklung als Vorreiter in Deutschland und hat sich in verschiedenen Bildungsvergleichsstudien der letzten Jahre und auch im IQB-Bildungstrend auffallend positiv entwickelt. Es reicht daher nicht aus, wenn Kultusminister Schwarz jetzt hier und da einen kleinen Pilotversuch startet – die Landesregierung muss endlich den Mut finden, Schul- und Unterrichtsentwicklung grundsätzlich anders zu denken. Deshalb fordern wir in Anlehnung an den Hamburger Erfolgsweg die Gründung eines „Hessischen Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung“, das umfassend Daten erhebt, aufbereitet und im Umgang hiermit schult. Zudem soll die Einführung einer Schüler-ID und eines Bildungsverlaufsregisters für die gesamte Bildungslaufbahn von der Kita bis zum Schulabschluss rechtlich geprüft werden. Programme der digitalen Lernverlaufsdiagnostik müssen flächendeckend eingeführt und genutzt werden, in einem ersten Schritt für die Klassen 1-10 in Deutsch und Mathematik. Bereits ab diesem Schuljahr soll zudem mit einer umfassenden landesweiten Auswertung der zentralen Lernstandserhebungen (VERA-Vergleichsarbeiten) ein schneller Einstieg in eine bessere datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung in Hessen gemacht werden.
Mehr Zeit zum Aufholen
Insbesondere im Bereich der Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik braucht es mehr Fördermaßnahmen auch außerhalb des Unterrichts für Schüler*innen mit besonders großem Förderbedarf. Deswegen fordern wir, noch in diesem Jahr allen Schulen dauerhaft ein Chancenbudget für mehr Förderangebote im Ganztag zur Verfügung zu stellen und die Lerncamps in den hessischen Schulferien deutlich auszubauen, damit es mehr wohnortnahe Angebote gibt. Zukünftig soll die „Hessenwoche“ als neue Lern- und Förderwoche für Hessens Schüler*innen hinzukommen. Zudem wollen wir für Schüler*innen mit erheblichem Förderbedarf in Deutsch und Mathematik (z.B. ab Note 4) einen Rechtsanspruch auf mindestens einen Förderkurs pro Schuljahr schaffen.
Gleiche Chancen beginnen vor der Einschulung
Die Lehrkräfte an Hessens Grundschulen beklagen, dass immer mehr Kinder ohne grundlegende sprachliche, mathematische oder motorische Fähigkeiten eingeschult werden. Deswegen brauchen wir eine flächendeckende und standardisierte Entwicklungsstandtestung aller Kinder spätestens 18 Monate vor der Einschulung. Derzeit fehlen bei der Einschätzung der Grundschulen klare Standards, eine systematische Erfassung und eine aggregierte Auswertung der Ergebnisse, wie bspw. in Hamburg. Darüber hinaus braucht es nicht nur eine Testung der sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch des Mengen- und Zahlenverständnisses, der Motorik und des Sozialverhaltens. Auf Grundlage der Testergebnisse soll dann eine verbindliche Förderempfehlung für die Teilnahme an den bereits verpflichtend gestellten Sprachvorlaufkursen im Jahr vor der Einschulung gegeben werden. Diese müssen inhaltlich um die Förderung mathematischer Grundlagen, aber auch motorischer Fähigkeiten ergänzt werden. Diese Ergänzung muss mit Ressourcen von mindestens zwei zusätzlichen Schulstunden hinterlegt werden.
Mehr Hilfe, wo sie am dringendsten gebraucht wird
Die IQB-Ergebnisse haben deutlich zeigen, dass noch stärker als bisher gezielt die Schulen sowie Schüler*innen in den Blick genommen werden müssen, deren Förderbedarf am größten ist. Die Kürzungen der Landesregierung beim Sozialindex sind somit das genaue Gegenteil von dem, was es jetzt braucht. Eine umfassende sozialindizierte Ressourcenzuweisung ist ein zentraler Baustein des Hamburger Erfolgswegs für mehr Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit der letzten Jahre. Anstatt hier zu kürzen, braucht es in Hessen eine Überarbeitung der Kriterien und eine deutliche Aufstockung der Ressourcen im Sozialindex, in einem ersten Schritt auf 800 Lehrkräftestellen. Langfristig wollen wir erreichen, dass mindestens 5 Prozent der landesseitigen Ressourcenzuweisung zusätzlich für Schulen im unteren Drittel der Indexskala zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sollen Schulen mit niedrigem Sozialindex gezielt zu ‚echten‘ rhythmisierten Ganztagsschulen (Profil 3) weiterentwickelt und dabei finanziell gefördert werden.
Lehrkräfte und Schulleitungen entlasten, gewinnen und qualifizieren
Zur Verbesserung der Bildungsqualität an Hessens Schulen sind nicht zuletzt die Lehrkräfte ein zentraler Faktor. Wenn an unseren Schulen teilweise 25 Prozent des eingesetzten Personals keine voll ausgebildeten Lehrkräfte sind und die Lehrkräftefortbildungen nicht an den Erfordernissen des Unterrichtens im Jahr 2025 ausgerichtet sind, wird sich der Abwärtstrend im hessischen Bildungssystem nicht aufhalten lassen. Deswegen wollen wir Modellversuche für duale Lehramtsstudiengänge und Quereinstiegsmaster in Mangellehrämtern und -fächern starten, um unter anderem durch die Vergütung im Rahmen eines dualen Studiums neue Zielgruppen für den Beruf als Lehrkraft zu gewinnen. Hierzu haben wir inzwischen einen Gesetzentwurf vorgelegt. Im Bereich der Fortbildung braucht es einen neuen Fokus auf längere Fortbildungsreihen statt einmaligen Halbtages-Veranstaltungen im Vortragsformat. Und mit einem Modellprojekt für Schulleitungstandems aus pädagogischen und administrativen Schulleitungen wollen wir an zunächst 50 Schulen mit niedrigem Sozialindex eine Entlastung von Verwaltungsaufgaben und mehr Zeit für die Qualitätsentwicklung von Schule schaffen.
Hier ein Kurzüberblick über die 10 Punkte: