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Foto von Kai Klose
3. März 2013

Das Private ist politisch. Auch im 21. Jahrhundert.

Kai Klose, MdL, Sprecher für Wirtschafts-, Wohnungs-, Lesben und Schwulenpolitik


Eigentlich habe ich es satt. Mein halbes Leben lang muss ich mich dafür rechtfertigen, wer ich bin.

Warum ich mich in Männer verliebe und nicht in Frauen. Warum die Paar-Beziehung trotzdem mein Lebensmodell ist. Warum wir trotzdem gute Väter wären und gerne Kinder hätten. Warum unsere Liebe vielleicht nicht von der gleichen Art ist wie die der Mehrheit, aber eben von gleichem Wert.

Aber es satt haben, ändert halt nichts: Der Weg zur Akzeptanz führt nur über das Sichtbarsein, das Konfrontieren, das Erzwingen von Debatten. Artikel 3 Abs. 1 Grundgesetz sagt: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Das Bundesverfassungsgericht bezieht sich in seinen Urteilen zur Gleichstellung immer wieder darauf. Da steht nicht: Alle heterosexuellen Menschen sind zu bevorzugen. Deshalb ist es auch keine abstrakte Diskussion, die wir führen. Es ist eine, in der es um konkrete Personen geht. Um Menschen, die während aller Höhen und Tiefen des Lebens füreinander da sind und Verantwortung füreinander übernehmen. Um Menschen, denen von den Seehofers, Steinbachs und Dr. Wagners gesagt wird: Eure Liebe ist mit einem Makel behaftet; Ihr seid für uns Menschen zweiter Klasse.

Es geht um konkrete Menschen

Sie nehmen sich heraus, über unser privates Leben zu urteilen, werden aber höchst empfindlich, wenn man ihnen den Spiegel vorhält:
Erklären Sie uns, Frau Merkel, was Ihre kinderlose Paarbeziehung zu etwas Besserem macht als unsere.
Erklären Sie uns, Herr Seehofer, warum es dem von Ihnen außerehelich gezeugten Kind, dessen Mutter Sie verlassen haben, besser geht als einem Kind, das bei einem lesbischen oder schwulen Paar in einer intakten Beziehung aufwächst.
Erklären Sie uns, Herr Dr. Wagner, warum unser Wunsch zu heiraten die traditionelle Ehe gefährdet – die Tatsache, dass Sie mehrfach geschieden sind, aber nicht.
Ich bewerte diese Dinge nicht moralisch, das Leben kann kompliziert sein. Aber so fühlt es sich an, wenn Ihre eigenen Maßstäbe angewandt werden.

Offensichtlich gibt es den konservativen Typus, der zur eigenen Selbstvergewisserung die Abwertung anderer braucht. Mir tun diese Menschen leid. Sie klammern sich verkrampft an die Abgrenzung, weil sie es nicht ertrügen, stünde ihr eigenes Leben auf einer Stufe mit „so etwas“. Gleichzeitig versichern sie uns gerne wortreich ihrer Toleranz, manche gar ihres Respekts. Noch übler: Sie versichern treuherzig, selbstverständlich setzten sie die Urteile des Bundesverfassungsgerichts um. Ja, was denn sonst? Wir leben in einem Rechtsstaat.

Ich verzichte auf Eure Toleranz!

Diese Toleranz ist nichts wert. Sie sagt nichts anderes, als dass sie uns (mühsam) ertragen.
„Ich toleriere es, wenn Herr Kollege Klose z. B. im Landtagshandbuch sagt, er sei konfessionslos und verpartnert.“ ist im Protokoll einer Landtagssitzung festgehalten. „Dazu würde ich niemals etwas sagen“, lautet der folgende Satz und der Redner widerlegt sich damit selbst. Das zeigt, wie scheinheilig dieses Geschwätz ist.
Ole von Beust hat das kürzlich auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Die CDU würde keinen schwulen Bundeskanzler akzeptieren.“ Wir können also getrost auf diese mitleidige Toleranz verzichten. Ein Norbert Geis vertritt in seiner ganzen Antiquiertheit einen respektableren Standpunkt als diejenigen, die uns vollmundig ihrer Toleranz versichern, um im nächsten Satz die „Aber“ noch stärker betonen zu können. Oder gar die doppelzüngige FDP, die hehre Worte im Munde führt, um das Gegenteil zu tun.

Die Zeit wird über die Steinbachs, Geis‘ und Wagners hinweggehen und das Bundesverfassungsgericht hilft ihr dabei. Es mag der Herzenswunsch dieser Sorte Konservativer sein, dass Gleiches weiter ungleich behandelt wird – Karlsruhe beeindruckt das glücklicherweise nicht. Das ist der Grund, warum sie das sonst gern für sakrosankt erklärte Verfassungsgericht jetzt so schrill kritisieren.

Bigotterie der Ehebrecher und Mehrfachgeschiedenen

Der 70jährige Wolfgang Schäuble hat das verstanden: „Wir können nicht bloß sagen: Das ist gut, nur weil es immer schon so war, und deshalb muss es so bleiben.“ Aktuelle Umfragen belegen, dass die bundesdeutsche Gesellschaft des Jahres 2013 – und auch eine deutliche Mehrheit der Unions-Anhänger – diese Ausgrenzung längst überwunden hat. Sie sind bereit zur Akzeptanz der Unterschiedlichkeit. Und sie sind die Bigotterie der Ehebrecher und Mehrfachgeschiedenen leid, die ihre Daseinsberechtigung daraus ableiten, dass andere noch sündhafter lebten als sie selbst.

Deshalb werde ich das Gleiche immer wieder erklären, mein Satthaben hintanstellen und Euch weiter nerven.
Das Private ist politisch. Auch im 21. Jahrhundert.

 

1

  1. Röhrig-Winkler, Evelyn sagt:

    Dass die Homosexualität überhaupt noch immer thematisiert werden muss und dass Menschen deswegen immer noch diskriminert werden und sich rechtfertigen müssen finde ich „echt ätzend“!

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