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1. März 2013

Interview: „Was macht meine Bank mit meinem Geld?“

Till Haupt, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Online-Redaktion bei der Landtagsfraktion

Georg Schürmann, Geschäftsführer Triodos Bank Deutschland, im Interview mit Matthias Münz, Politischer Geschäftsführer, und Jochen Ruoff, Schatzmeister von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Hessen.

Bis 2008 war Georg Schürmann Managing Director der Deutschen Bank, beim Ausbruch der Finanzkrise setzte bei ihm ein Umdenken ein. Heute leitet er gemeinsam mit Alexander Schwedeler das Deutschland-Geschäft der niederländischen Triodos-Bank, eine von vier bei uns aktiven nachhaltigen Banken (neben GLS Bank, Umweltbank und Ethikbank). In der beschaulichen Triodos-Zentrale im Schatten der großen Bank-Türme von Frankfurt erzählt er uns, was den Unterschied macht, was ein Hühnermobil ist und was er vom rot-grünen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hält.

Gesprächstermin bei der Triodos Bank. Von links: Maren Weber, Georg Schürmann, Jochen Ruoff und Matthias Münz

Gesprächstermin bei der Triodos Bank. Von links: Maren Weber, Georg Schürmann, Jochen Ruoff und Matthias Münz.


Herr Schürmann, was macht eine Nachhaltigkeits-Bank?

Wir glauben, Kernaufgabe einer Bank ist es, Kredite zu vergeben – und nicht, Spekulation zu betreiben. Mit den Krediten unterstützen wir Projekte aus den Bereichen Erneuerbare Energien, Soziales, Bildung und Kultur. Unsere Kunden können jederzeit auf unserer Webseite nachsehen, wo wir ihr Geld investieren.

Seit Neustem wirbt ja sogar die Commerzbank mit Nachhaltigkeit und Fairness. Warum brauchen wir dann überhaupt noch Alternativen?

Das sieht alles ganz schön aus, Glückwunsch an die Werbeagentur. Aber was ich vermisse, ist die innere Einsicht. Die Veränderungen in der Bankenwelt sind nicht aus Überzeugung heraus passiert, sondern nur durch gesellschaftlichen Druck. Nehmen Sie das Beispiel Nahrungsmittelspekulation. Ohne eine gesellschaftliche Debatte hätten die deutschen Banken sich davon nicht Stück für Stück verabschiedet. Das enttäuscht mich, weil es keine innere Erkenntnis seit der Finanzkrise gibt.

Nachhaltige Bank oder regionale Bank? Gegen die Sparkasse um die Ecke ist nichts einzuwenden, oder?

Auch Sparkassen tätigen viele kritische Investitionen. Ein pauschales Urteil ist aber nicht möglich: Es gibt Hunderte Sparkassen in Deutschland und eine große Bandbreite. Ich wünsche mir insgesamt, dass die Sparkassen sich wieder mehr auf ihre Wurzeln zurückbesinnen.

Die Triodos-Bank ist jetzt seit gut 30 Jahren aktiv. Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden als damals?

Ja, wir lernen auch dazu. Früher hätten wir z.B. noch Biogasanlagen unterstützt. Heute machen wir das nur sehr eingeschränkt und unter bestimmten Voraussetzungen, weil wir sagen: Essen gehört auf den Tisch und darf nicht zur Energiegewinnung herangezogen werden.

Was macht es für einen Unterschied, dass Triodos-Aktien nicht an der Börse gehandelt werden?

Einen großen Unterschied. Wir unterliegen dadurch nicht dem Quartalsdenken einer klassischen Bank, wo im Drei-Monats-Rhythmus neue Zahlen vorgelegt werden müssen. Dadurch können wir langfristiger planen und handeln. Niemand kann uns übernehmen und unsere Geschäftspolitik ändern. Das schafft Vertrauen bei unseren Kunden und Projektpartnern.

Das klingt ja alles sehr sympathisch – aber lässt sich damit wirklich Geld verdienen?

Ja, wir sind profitabel. Eine Studie der „Global Alliance for Banking on Values“ zeigt sogar, dass die Nachhaltigkeitsbanken langfristig schneller wachsen als die großen, systemrelevanten Banken. Bei den Großbanken gibt es mehr Schwankungen, bei uns verläuft das eher „langweilig“ – aber stetig nach oben. Wir sind krisenfester, weil wir viel stärker in der Realwirtschaft engagiert sind. Und weil wir bestimmte Geschäfte eben auch nicht machen.

Können Sie uns Ihr „Lieblingsprojekt“ nennen, also eine Kapitalanlage der Triodos Bank, auf die Sie besonders stolz sind?

Das Projekt Hühnermobil wurde von Triodos unterstützt.

Das Projekt Hühnermobil wurde von Triodos unterstützt.

Kennen Sie das Hühnermobil? Freilandhühner haben die Angewohnheit, immer nah am Stall zu bleiben. Das Hühnermobil ist ein fahrbarer Stall, der sich immer dorthin bewegt, wo das Gras schön grün ist. Das ist eine tolle Idee und wir konnten bei der Realisierung helfen.

Nicht immer ist es aber so einfach wie hier, „gute“ von „bösen“ Investitionen zu entscheiden. Nach welchen Richtlinien gehen Sie vor?

Der Schlüssel heißt Transparenz. Wir werden von der Gesellschaft, von unseren Kunden, permanent kritisch überwacht. Schwierig sind die „Graubereiche“: Wir hatten beispielsweise eine Anfrage für eine Photovoltaikanlage auf einem Schweinestall der Massentierhaltung. Wir mussten also abwägen, ob wir den Ausbau von Erneuerbaren Energien unterstützen, obwohl da Massentierhaltung dranhängt. Das haben wir diskutiert und uns am Ende dagegen entschieden.

Gibt es eine Art Zertifizierung im Bereich von nachhaltigen Investments?

Nein, noch nicht. Nachhaltigkeit definiert jeder anders. Wir müssen ähnlich dem Biosiegel eine Zertifizierung für unsere Kunden, aber auch für Anlageberater, entwickeln, damit wir noch mehr Sicherheit und Transparenz schaffen.

In der Bundes- und Europapolitik werden ja derzeit verschiedene Ansätze diskutiert, um die Macht der Banken zu bändigen. Was halten Sie davon?

Ein Instrument alleine wird es nicht richten, es hilft nur mit einem Bündel an Maßnahmen. Finanztransaktionssteuer und Trennbankensystem gehen in die richtige Richtung. Erschreckend für mich ist, dass es so lange gedauert hat bis etwas Konkretes passiert. Der Ausbruch der Finanzkrise ist jetzt fünf Jahre her.

Es ist ja kein Zufall, dass Sie Ihren Sitz am Finanzstandort Frankfurt haben. Was glauben Sie, wie wird der Standort in zehn Jahren aussehen?

Der Finanzsektor wird wieder kleiner werden. London hat es schon hart getroffen. Dort wurden 100.000 Stellen abgebaut. Auch in Deutschland werden Stellen abgebaut. Nicht nur die Anzahl der Jobs, sondern auch die Höhe der Bezahlung werden sich ändern. In den nächsten zehn Jahren werden wir im Bankensektor wieder auf ein Normalmaß zurückschrumpfen. Nachhaltige Banken werden wachsen. Im Moment ist die Branche aber regional eher fragmentiert: Die GLS sitzt in Bochum, die Umweltbank in Nürnberg, die Ethikbank in Eisenberg. Wir sind also bisher die einzigen hier. Aber wenn man am Finanzplatz Frankfurt/Eschborn die nachhaltigen Fonds und den Mikrofinanz-Bereich dazurechnet, wächst da schon etwas heran.

Stichwort Erneuerbare Energien: Wie beurteilen Sie die aktuellen Pläne der Bundesregierung?

Da habe ich schon gedacht „Hoppla, das ist eine neue Qualität“. Die Pläne gefährden die Verlässlichkeit, die das EEG geschaffen hat. Und nur wegen dieser Verlässlichkeit sind wir hier in Deutschland so weit, das gibt’s nirgendwo so wie hier. Da sind wir ein Vorbild für ganz Europa. Die aktuellen Pläne sorgen mich deshalb sehr.

Wir fahren Bus und Bahn, wir kaufen Bio-Lebensmittel, wir nutzen Ökostrom. Warum fristen nachhaltige Banken bisher noch ein Nischen-Dasein?

Grundsätzlich spricht man ja bei uns in Deutschland nicht so gerne über Geld. Anderswo in Europa ist man da weiter, weil es da mehr gesellschaftliche Diskussionen gibt zum Beispiel in den Niederlanden oder in Spanien. Ich sehe das als eine Prozesskette: Erst kamen die Bioläden, dann der Ökostrom und jetzt der Bankwechsel. Wir sind momentan da, wo die Bio-Läden 1990 waren. Man muss als Bankkunde ja nicht in Fachdiskussionen einsteigen. Aber diese ganz banale Frage, sich zu überlegen „Was macht meine Bank mit meinem Geld?“ – das kann jeder.

Vielen Dank für das Gespräch.

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  1. Hermann Münz sagt:

    Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein…
    Wer sind eigentlich die Gesellschafter, machen die auch normales Bankgeschäft( Girokonto,<privatkunden etc.. )
    Gutes Interview.

    Gruß
    Papa

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