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26. Oktober 2012

Warum diskutieren wir die großen sozialen Fragen in der Bundesrepublik unter dem Deckmantel der Integration?

Till Haupt, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Online-Redaktion bei der Landtagsfraktion

Immerhin führen wir keine Diskussionen mehr über kruden Biologismus gepaart mit zweifelhaften historischen Belegen über Migrantinnen und Migranten. Immerhin. Man scheint doch wohl gelernt zu haben, dass diese Begründungsmuster keinerlei Beitrag zur Integrationsdebatte leisten. Ganz im Gegenteil. Die Diskussion über das Sarrazin-Buch hat Teile dieser Gesellschaft beleidigt und stigmatisiert. Zudem hat sie den Migrationsprozess um Jahre zurückgeworfen. Jetzt meldet sich ein weiterer Sozialdemokrat zu Wort. Das Buch des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky „Neukölln ist überall“  schildert seine Erfahrungen und Sichtweisen im Umgang mit Integration. Doch leistet er dabei einen konstruktiven Beitrag zur Debatte?

Kein anderer Stadtteil wird in der medialen Darstellung so oft als „Parallelgesellschaft“, „Ghetto“ oder „Slum“ bezeichnet als Neukölln. Es sind Begriffe, wie sie Heinz Buschkowsky selbst für seinen Bezirk verwendet. Immer öfter hält „sein Block“ auch als  lebendiger Beweis dafür her, dass „Multikulti gescheitert sei“. Der Bezirksbürgermeister betont stetig seine klare Linie, die u.a. beinhaltet, Eltern beim „Kofferpacken“ zu helfen, sofern sie ihren Kindern den Zugang zur Gesellschaft versperren. Polarisieren, das gehört bei Buschkowsky zum täglichen Geschäft. Hierbei unterscheidet er sich nicht wirklich von seinem Parteigenossen Thilo Sarrazin. Vielleicht tut er es nicht so hart, aber er tut es. Aus der Erfahrung heraus steigert diese öffentliche Empörung die Verkaufszahlen des Buches. Mehr jedenfalls, als das es die wertvolle, lösungsorientierte Debatte über Migration und Integration in Deutschland vorantreibt.

Aber kann man die Probleme, die Neukölln zweifellos hat, die es mit Sicherheit auch in einigen anderen Regionen der Bundesrepublik gibt, ausschließlich mit der hohen Quote von Menschen mit Migrationshintergrund begründen? Neukölln wird zwar oft als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet, ist aber dadurch noch lange kein homogener Stadtteil. Auch hier leben viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und eben auch diejenigen, die keinen so genannten Migrationshintergrund haben. Die gesamte Diskussion über das Buch und über Integration wird aber so geführt, als gingen die sozialen Probleme ausschließlich eine spezifische Gruppe an.

Nehmen wir beispielsweise die oft erwähnten Sprachprobleme. Im Jahr 2009 wiesen in Hessen 38 % der Kinder mit Migrationshintergrund und 24 % der Kinder mit deutscher Muttersprache im Vorschulalter Sprachauffälligkeiten auf.[1] Das bedeutet, dass die Kinder aus Migrantenfamilien eher dazu neigen Sprachdefizite zu haben. Ein Abstand von 14 % kann uns aber nicht dazu veranlassen zu denken, dass Kinder mit Deutsch als Muttersprache wenig bis gar nichts mit dem Problem zu tun haben. Ganz im Gegenteil. Sprachdefizite sind gerade bei Kindern mit Deutsch als Muttersprache stärker erkennbar. Neuere Studien lassen hierzu wenige Veränderungen vermuten.

Ein ebenso erwähntes Thema sind die Schulabschlüsse. Hier hat sich im Laufe der Jahre einiges getan. 2008 erreichten in Hessen 32 % der Schulentlassenen ohne Migrationshintergrund eine Hochschulreife, bei den SchülerInnen mit einem Migrationshintergrund  waren es 28 %.[2] Hier gibt es also zwischen beiden Gruppen keine großen Unterschiede. Anders sieht das jedoch bei den SchulabbrecherInnen aus. 12 % der SchülerInnen mit Migrationshintergrund verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei den ohne einen sind es gerade mal 2 %.[3] Hier unterscheiden sich beide Gruppen deutlich voneinander. Dies ist aber auch damit zu begründen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ein Armutsrisiko haben, das dreimal so hoch ist wie das der anderen. Geringe Bildung ist in Deutschland immer noch das größte Armutsrisiko und steht im direkten Zusammenhang mit dem zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommen.

Denn, dass das soziale Milieu, aus denen die SchülerInnen kommen, unmittelbar Auswirkungen auf ihren Bildungsweg hat, ist in der Bundesrepublik Deutschland schon lange kein Geheimnis. Vergleicht man zum Beispiel die Probleme die Menschen mit Migrationshintergrund in unserem Bildungssystem haben mit denen der sozial schwächeren Schichten, so findet man durchweg Übereinstimmungen. Gerade beim Verweis auf Förderschulen oder beim Bildungsaufstieg ähneln sich diese beiden Gruppen sehr stark.

Wenn wir also über Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund in dieser Republik reden, dann sprechen wir auch über die Probleme, die einen Teil der Gesellschaft ohne diesen Hintergrund betrifft. Wir führen eine Diskussion über die sozialen Fragen dieser Republik auf dem Rücken vieler MigrantInnen. Dadurch werden Teile unserer Gesellschaft zur Achillesferse der Nation stigmatisiert.  Nicht zuletzt durch das Buch von Heinz Buschkowsky. VerfasserInnen wie er setzen da aber noch einen drauf. Sie schlagen nämlich Profit aus der Stigmatisierung.

Es stünde vielen AutorInnen und nicht zuletzt den Medien gut zu Gesicht, wenn sie bei dieser zunehmend emotional geführten Debatte stärker differenzieren würden. Generell ist es für den gesamten Prozess sinnvoll weniger nach dem „Ih räd nur drüber!“- Prinzip zu verfahren und stärker den Fokus auf das Handeln zu legen. Dass diese Herangehensweise weitaus vielversprechender ist, beweisen über die Jahre hessische Städte wie Frankfurt, Offenbach und Rüsselsheim. Maßgeblich unter GRÜNER Mitwirkung hat man sich dort den Problemen angenommen. Obwohl gerade diese drei Städte einen ähnlich hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrundhaben wie Neukölln, tauchen sie überhaupt nicht in der Diskussion auf. Da scheint wohl vieles zu klappen.


[1] Vgl. PE Hessisches Sozialministerium. „Staatsminister Jürgen Banzer überreicht erstes KiSS-Siegel an katholische Kindertagesstätte St. Martin: „Sprachauffälligkeiten frühzeitig erkennen und beheben“, 4.9.2009.

[2] Vgl. Statistisches Landesamt, 2. Sitzung der EKM am 26. Februar 2010, Referenzjahr: 2008.

[3] Vgl. Statistisches Landesamt Hessen: Präsentation in der Enquetekommission am 26.2.2010. Referenzjahr: 2009, Angaben beziehen sich auf die 25- bis unter 65-Jährigen.

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  1. lehnen sagt:

    Die forderung nach differenzierung ist immer gut aber statistik mit migrationshintergrund vermischt ebenfalls.

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